Geschichte von Wiener Neustadt
Die Gründung der Stadt
Im Jahre 1192, nach dem Aussterben des steirischen Fürstengeschlechts der Traungauer, fiel das Herzogtum Steiermark einem Erbvertrag zufolge an den im benachbarten Österreich regierenden Babenberger Herzog Leopold V. Bestandteil des Herzogtums Steiermark war damals auch die sogenannte "Grafschaft Pitten" - also ungefähr jenes Gebiet, das heute die politischen Bezirke Wiener Neustadt und Neunkirchen ausmacht.
Schon kurze Zeit nach der Erwerbung der Steiermark schenkte Leopold V. dem nördlichen Teil dieses Pittener Landes sein besonderes Augenmerk, u. zw. dem als Grenzgebiet zwischen Österreich und der Steiermark aus strategischen Gründen bisher absichtlich "siedelleer" gehaltenen Steinfeld: Seit der Vereinigung der beiden Herzogtümer in einer Hand erschien es dem Herzog nicht länger notwendig, die Entstehung von Siedlungen in dem ehemaligen Grenzraum zu unterbinden. Im Gegenteil, er hielt dies sogar für gefährlich - erlaubte doch das äußerst dünn besiedelte Steinfeld feindlichen Scharen aus dem Osten ein nahezu ungehindertes Vordringen bis zu den am Rande der Ebene situierten wohlhabenden Märkten Pitten, Neunkirchen, Gloggnitz und Fischau sowie zu den drei wichtigen Handelswegen, die von Wien aus das Wiener Becken durchzogen. Hier sollte nach dem Willen Leopolds V. Abhilfe geschaffen werden. Es waren also Überlegungen sowohl strategischer als auch wirtschaftlicher Natur, die zur Gründung einer stark befestigten neuen Stadt im Steinfeld führten.
Eine Gründungsurkunde für Wiener Neustadt existiert nicht. Wir erfahren von dieser wichtigen Entscheidung nur durch Zufall: lm Spätsommer oder Herbst 1194 (neueste Forschungen stellen allerdings diese relativ genaue Datierung in Frage. Nach Heide Dienst, Nova Civitas - die ältesten schriftlichen Quellen, in: Erwin Reidinger, Planung oder Zufall. Wiener Neustadt 1192, Wiener Neustadt 1995, S. 8 f., erlaubt die Quellenlage lediglich die Feststellung, dass die Beratung über die Gründung von Wiener Neustadt im Zeitraum "zwischen Jänner/Juni 1192 und Dezember 1194 stattgefunden hat") hatte bei Fischau eine von Herzog Leopold V. einberufene Ministerialenversammlung stattgefunden.
Bei diesem "Fischauer Taiding" waren vor allem Angelegenheiten zur Sprache gekommen, die für das im Pittener Land reich begüterte Benediktinerkloster Formbach am Inn von Bedeutung gewesen waren und daher von Mönchen dieses Klosters aufgezeichnet wurden. Aus dem Bericht der Formbacher Benediktiner über einen auf dem genannten "Taiding" behandelten Streitfall erfahren wir so nebenbei, dass Leopold V. mit den in Fischau anwesenden Ministerialen damals auch die Erbauung einer neuen Stadt - eben der späteren Stadt Wiener Neustadt - besprochen hat. Es ist anzunehmen, dass die am "Fischauer Taiding" Beteiligten den Ort ausgesucht haben, an dem die neue Stadt errichtet werden sollte. Wenn es dieser Örtlichkeit auch an den meisten, der Anlage einer Siedlung zuträglichen, Eigenschaften fehlte, so hoffte man wohl doch, bei einer planmäßig gegründeten Stadt auf diese Voraussetzungen verzichten bzw. diese künstlich schaffen zu können.

